Wenn Kinder Täter werden - Was tun mit straffälligen Minderjährigen?

Montag, 21. September um 21.45 Uhr, ZDF

Die Dokumentation zum Spielfilm „Totgeschwiegen“

Autorin: Liz Wieskerstrauch
Kamera: Reiner Bauer
Schnitt: Hauke Ketelsen
Redaktion: Bernd Weisener (ZDF)
Produzent: Robert Wortmann (SPIEGEL TV)

Es gehört zum Alltag in Deutschland – junge Menschen geraten aneinander, die Fäuste fliegen, sie knacken Autos oder handeln mit Drogen. Jugendkriminalität ist kein neues Phänomen. Eigentlich begehen alle Jugendlichen irgendwann mal ein bis zwei Delikte. Lässt man Schwarzfahren, Internetdelikte und Drogenkonsum raus, dann geben 84 Prozent der Jungen und 69 Prozent der Mädchen zwischen dem 13. und 18. Lebensjahr an, zumindest schon einmal geklaut, etwas zerstört oder jemanden geschlagen zu haben. In der Regel leichte Taten. Die Hälfte von ihnen begeht ein weiteres Delikt, dann wieder die Hälfte ein viertes und so weiter. Am Ende bleibt eine kleine Gruppe von Intensivtätern, so fünf bis acht Prozent. Sie sind das eigentliche Problem.

Wie werden junge Menschen zu Straftätern und wie bestraft man sie am besten? Oder bringen Strafen eigentlich gar nichts? Diesen Fragen geht die Dokumentation "Wenn Kinder Täter werden – Was tun mit straffälligen Minderjährigen?" nach.

Tom hat gut zwei Jahre Jugendhaft hinter sich und steht kurz vor der Entlassung aus der Jugendvollzugsanstalt Neustrelitz. Die ersten Tage waren die schlimmsten – in einer fast leeren Zelle eingesperrt sein allein mit sich und seinen Gedanken. Seine Geschichte erzählt die klassische Biografie eines jugendlichen Straftäters: Mit seinen Eltern geriet er ständig aneinander, mit neun Jahren kam er zum ersten Mal ins Kinderheim. Es sollte nicht das letzte bleiben. Dann der falsche Freundeskreis und jede Menge Alkohol. Erst Fahren ohne Führerschein, Diebstahl und Drohungen, dann irgendwann wurden die Fäuste zur Waffe – immer wieder. Bis er u. a. wegen gefährlicher Körperverletzung inhaftiert wurde. Er freut sich auf den Neuanfang nach der Entlassung und hat zugleich Angst davor – vor allem vor dem Alkohol.

Auch bei Mario lief früh vieles schief. Auch er war schon als Kleinkind hin- und hergerissen zwischen den getrenntlebenden Eltern. Niemand hatte Zeit für ihn. Mit 12 Jahren die ersten Schnapspartys. Schule abgebrochen. Ausbildung abgebrochen. Drogenkarriere. Beschaffungskriminalität. Wegen schwerer räuberischer Erpressung wurde er zu eineinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die Hälfte der Zeit hat er in der Jugendvollzugsanstalt Regis-Breitingen südlich von Leipzig abgesessen. Für den Rest seiner Strafe hat er einen Platz in einer stringent geführten Jugendwohngemeinschaft Nahe Leipzig bekommen. Das Konzept: viel Arbeit, klare Strukturen für den Tag und eine ganze Portion Zuwendung. Doch nur wer sich in einem Stufensystem beweist, darf bleiben. Wer nicht funktioniert, geht sofort zurück ins Gefängnis.

Daniel hat schon mit acht Jahren kleine Mädchen vergewaltigt – aus Machtgelüsten. Seit drei Jahren lebt er jetzt in einer Wohngruppe für sexuell auffällige Jugendliche – eine strenge Erziehungsanstalt. Vor allem hier ist es sehr wichtig, Empathie, also Mitgefühl mit dem Opfer zu erlernen – der beste Schutz vor Rückfälligkeit! Daniels Mutter unterstützt alle Erziehungsmaßregeln und setzt sich immer wieder mit ihrem Sohn über seine Taten auseinander. Andere Eltern wollen von ihren Kindern nichts mehr wissen, was die Straffälligkeit oft erst recht verstärkt.

Wie bestraft man jugendliche Straftäter am besten? Das Jugendstrafrecht will nicht Strafe und Sühne, es will Erziehung und Resozialisierung. Dafür gibt es zahlreiche Sanktionsmöglichkeiten, die die Richter ausschöpfen. Nur wenn gar nichts mehr geht, ist eine Gefängnisstrafe angesagt. Und selbst dort, im Jugendgefängnis, gehen erzieherische Maßnahmen vor. Doch der beste Schutz vor Straftaten, darauf bestehen alle Experten – Kriminologen, Gutachter, Polizisten – ist die Prävention. Also hinschauen, wenn in den Familien etwas schiefläuft, aufmerksam sein, wenn Kinder schon im Schulalter besonders aggressiv auffallen, rechtzeitig pädagogische Maßnahmen ergreifen, und bei ersten Delikten sofort reagieren.

Die Polizei in Hamburg hat dafür eine eigene Abteilung für Jugendschutz eingerichtet – Polizeibeamte, die wie Sozialarbeiter mit den Jugendlichen sprechen, sie sowohl kontrollieren als auch ermahnen und sie beraten, wenn es um die Folgen ihrer Taten geht. Und zur Not muss mal ein Aufenthaltsverbot für einen bestimmten Bezirk oder Tatort ausgesprochen werden – eine sehr wirkungsvolle Maßnahme.

Die Dokumentation von Liz Wieskerstrauch forscht nach, warum Kinder und Jugendliche gewalttätig werden, erzählt an mehreren Fällen, wie sie zu Tätern werden und wie Gerichte, Polizei, Sozialarbeiter und Experten um Wege ringen, wie man mit straffällig gewordenen Jugendlichen am besten umgeht. Auch die Opferseite wird erzählt: Ein Obdachloser berichtet, dass für ihn Gewalterfahrungen alltäglich sind und eine 16jährigen Schülerin erzählt, wie sie von einer Jugendbande grundlos zusammengeschlagen wurde.